100 Polizisten in Zivil sollen Hamburgs Auto-Brandstifter fassen

erstellt Mittwoch, 21. April 2010

Neue Ermittlungsgruppe gegründet. “Täter sind ohne Rücksicht auf  Menschenleben unterwegs”

Die Polizei will Hamburgs Autobrandstifter endlich dingfest machen. Nach einem neuen Anschlag in Hummelsbüttel, bei dem in der Nacht zum Dienstag sechs Wagen ausbrannten und ein Einfamilienhaus beschädigt wurde, lässt die Polizei ab sofort jede Nacht 100 Zivilpolizisten in der Hansestadt patrouillieren.

“Das ist langsam etwas, das nicht mehr zu ertragen ist”, sagte Polizeipräsident Werner Jantosch. “Wir haben hier Verbrecher am Werk, die ohne Rücksicht auf Menschenleben unterwegs sind.”

Kurz nach 4 Uhr hatten Unbekannte in der Straße Kirchenredder fünf Autos angezündet, die zum Teil in Carports standen. Die Feuerwehr konnte laut Jantosch “nur mit Glück” verhindern, dass die Flammen auf ein Wohnhaus übergriffen und die Bewohner – ein Paar mit zwei kleinen Töchtern – in Lebensgefahr brachten.

“Es scheint keine Hemmungen mehr zu geben für die Täter”, sagte der Polizeipräsident. Er kündigte den Aufbau einer neuen Ermittlungsgruppe an, deren Kern die 100 Zivilfahnder bilden. Sie sollen jede Nacht “völlig unberechenbar in den unterschiedlichsten Stadtteilen auftauchen. Heute hier, morgen da”.

Die Polizei glaubt, dass die Autobrände auf das Konto von Serientätern gehen, denen seit Mitte März insgesamt acht Anschläge zur Last gelegt werden. Seit Jahresanfang brannten im gesamten Stadtgebiet bereits 67 Wagen aus.

Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) sprach nach der Brandnacht von Hummelsbüttel von einer “erschreckend neuen Qualität. Hier spielen Hirnlose mit dem Leben unserer Bürger.” Uwe Koßel, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, hält die “konzertierte Aktion der Polizei für dringend notwendig”. Er glaubt allerdings nicht an einen schnellen Fahndungserfolg. “Wir brauchen einen langen Atem.” Koßel wies darauf hin, dass die 100 Beamten an anderer Stelle fehlen werden.

Dies kritisiert auch Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hamburg: “Nun rächt sich unsere Personalnot. Die Polizei ist für derartige Phänomene nicht entsprechend aufgestellt.” Lenders befürchtet, dass Bürger etwa bei Blechschäden oder Ruhestörungen nun länger auf die Polizei warten müssen.

SPD-Innenexperte Andreas Dressel nannte den Einsatz der Ermittlungsgruppe zwar “begrüßenswert”. Dies sei aber auch ein Eingeständnis, dass die bisherigen Aktivitäten der Polizei nicht gegriffen hätten.

Diesmal traf es eine ruhige Wohnstraße mitten im gediegenen Hummelsbüttel: Entlang eines knapp 60 Meter langen Wegstücks am Kirchenredder zündeten die Täter am frühen Dienstagmorgen kurz nach 4 Uhr fünf Autos an. Auf ein weiteres sprangen die Flammen über. Die Wagen der Marken Skoda, BMW, Mercedes, Volkswagen und Saab brannten alle völlig aus. Äußerst brisant ist, dass drei der Wagen noch in ihren Carports standen, die dadurch ebenfalls in Flammen aufgingen. Dabei verbrannten fünf Fahrräder und ein Kinderroller.

Das Feuer drohte zudem auf zwei Einfamilienhäuser überzugreifen. In einem Haus, in dem ein Paar mit seinen beiden kleinen Töchtern wohnt, barsten aufgrund der großen Hitze zwei Fenster. “Nur mit Glück” habe die Feuerwehr verhindern können, dass das Feuer die Familie in Lebensgefahr brachte, erklärte Polizeipräsident Werner Jantosch wenige Stunden nach den Anschlägen. “Jetzt haben wir einen für mich unerträglichen Höhepunkt der Geschichte. Es scheint keine Hemmungen mehr für die Täter zu geben.”

Die Brandstifter vom Dienstag sind den Ermittlern des Landeskriminalamts (LKA) nicht unbekannt. Ihnen werden bereits sieben weitere große Brandstiftungen seit Mitte März zur Last gelegt. Allein 200.000 Euro Schaden sollen sie verursacht haben, als sie am 15. März an der Kreuzung Mövenstraße/Blumenstraße in Winterhude sechs luxuriöse Autos anzündeten – die erste Tat, mit der sie in Verbindung gebracht werden.

Wie viele Täter die Polizei vermutet, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass die Ermittler sie unter anderem aufgrund der Art, wie sie die Autos anzünden, als Serientäter identifizieren. Am Dienstagmorgen beobachteten Anwohner des Kirchenredders einen weißen Volkswagen Golf Variant, der schnell davon fuhr. Die Polizei vermutet, dass die Täter in dem Kombi flüchteten, und fahndet jetzt nach dem Wagen.

Polizeichef Jantosch kündigte gestern neue Ansätze im Kampf gegen Brandstifter an: 100 zivile Beamte will er ihnen ab sofort entgegenbringen. “Unter Zurückstellung anderer Sachen bis auf Weiteres”, so Jantosch, sollen sie auf Brandstifterjagd gehen. “Die werden völlig unberechenbar in unterschiedlichsten Stadtteilen auftauchen. Heute hier, morgen da.”

“Ich will die Täter jetzt haben”, gab sich der Polizeichef kämpferisch. Seine Einheit soll Verunsicherung bei Trittbrettfahrern schaffen und die Serientäter vom Dienstag fassen. Die Zivilfahnder sollen sich Nacht für Nacht ausschließlich um die Brandanschläge kümmern, “unter Vernachlässigung notfalls auch anderer Aufgaben”. Das Thema habe für ihn absolute Priorität. Bislang allerdings haben alle angekündigten Wege keinen vorzeigbaren Erfolg gebracht. Die Aufklärungsquote ist äußerst niedrig. Seien es die Streifen per Polizeihubschrauber “Libelle”, die aus Kostengründen nach wenigen Nächten wieder eingestellt wurden.

Oder die Belohnung über 2500 Euro, ausgesetzt für Hinweise, die zur Festnahme eines Brandstifters führen, die bislang noch nicht eingelöst wurde. 38 “Brandlegungen” registrierte die Polizei seit Beginn dieses Jahres. “Damit liegen wir im Schnitt”, sagte eine Polizeisprecherin. Nach Abendblatt-Zählung brannten dabei bereits 67 Fahrzeuge aus oder wurden schwer beschädigt, oftmals durch überspringende Flammen. Trotz verstärkter Polizeipräsenz ruft Jantosch alle Hamburger zu Wachsamkeit auf. “Wir brauchen die Hilfe aus der Bevölkerung. Denn wir können nicht überall gleichzeitig sein.” Ob Bus- oder Taxifahrer, Schichtarbeiter oder diejenigen, die nicht schlafen könnten: Alle sollten die Augen offen halten.