Krawall-Touristen erschüttern Schanze

erstellt Montag, 3. Mai 2010

Brennende Barrikaden, verwüstete Läden, verletzte Beamte: Polizei räumt ein, die Situation rund um den 1. Mai falsch eingeschätzt zu haben

Fast eine Stunde wüteten die Randalierer ungestört auf dem Schulterblatt. Entfachten Feuer, zündeten Raketen, schmissen Flaschen auf Autos. Es war eine Walpurgisnacht ganz nach ihrem Geschmack. Und die Polizei? Grüppchen von Beamten schauten zu, aus der Ferne, mit verkniffenen Gesichtern.

Ein Trupp Bundespolizisten wurde mit Steinen in die Flucht geschlagen. Erst nachdem eine Hundertschaft aus ihren Betten geholt worden war, konnte die Polizei gegen drei Uhr am Morgen die Barrikaden überrennen. Der Spuk hatte vorerst ein Ende. Doch er war noch nicht vorbei.

15 Stunden später standen statt der erwarteten 500 Randalierern dreimal so viel gewaltbereite Jugendliche auf dem Altonaer Bahnhofsvorplatz. Ein vermummter Haufen aus Linken, Punks, Hooligans und “gewalterlebnisorientierten Jugendlichen”, wie es die Polizei formuliert. Die Demonstration trug das Motto “Kapitalismus zerschlagen” – und endete ab 21.30 Uhr mit zerschlagenen Fensterscheiben und Attacken auf Polizisten im Schanzenviertel. 900 Beamte waren der Aufgabe nicht gewachsen, Randale zu verhindern.

Tags darauf setzte scharfe Kritik an den Polizeieinsätzen ein. Uwe Koßel, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP, spricht von “verheizten Beamten” und einem “großem Frust unter den Einsatzkräften”, die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) von einer “völlig falschen Lageeinschätzung”.

36 Polizisten wurden an beiden Abenden verletzt. 21 allein in der Nacht des 30. April, weil sie teils ohne “Vollschutz” in die Schanze vorrückten. Steine und Flaschen hinterließen Spuren.

“Die Einschätzung war völlig daneben”, sagt der Hamburger Chef der DPolG, Joachim Lenders. “Die Einsatzkräfte wurden gefährdet, weil man sie in Unterzahl in den Einsatz schickte.” Die Taktik der “Deeskalation durch Stärke” habe nicht gegriffen, weil es keine starken Kräfte gab.

“Die Lagebeurteilung war falsch, weil man das Verhalten der Linken, aber nicht das der Jugendlichen aus Harburg, Wilhelmsburg oder Hummelsbüttel einschätzen konnte”, sagt Koßel. Bis zu 80 Prozent der Randalierer waren Jugendliche ohne politische Ambitionen, so die Polizei. Darunter Minderjährige mit Migrationshintergrund, “die den Frust auf den Staat an der Polizei auslassen wollten”, so Koßel.

Die Polizei gesteht einen Tag nach den schweren Ausschreitungen Fehler ein. “Man muss klar einräumen, dass wir die Dimension der gewalterlebnisorientierten Jugendlichen falsch eingeschätzt haben”, sagt Polizeisprecher Ralf Meyer. Gerechnet habe man mit maximal 200, gekommen seien 700.

“Wir müssen uns künftig bei allen Planungen dieses Unsicherheitsfaktors bewusst werden”, sagt Meyer.

Andreas Dressel, der innenpolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, will die Krawalle im Schanzenviertel zum Thema im Innenausschuss machen. “Das muss da auf die Tagesordnung”, sagte Dressel. “Die Polizeiführung hat die Situation in Hamburg vollkommen falsch eingeschätzt.” Viele Polizisten hätten ihn angerufen, die sich insbesondere über die Lage in der Nacht zum 1. Mai beklagt hätten. “Dass da keine Einsatzreserve vorhanden war, ist ein fataler Fehler gewesen”, so Dressel.

Der innenpolitische Sprecher der CDU, Kai Voet van Vormizeele, sieht das ganz anders. “Es war genug Polizei vor Ort, die haben die Gewalttäter in Schach gehalten”, sagte er. Für die Krawalle macht Vormizeele eine “neue Tätergruppe” verantwortlich. “Die sind tendenziell sehr jung und vollkommen apolitisch.” Die Polizei müsse überlegen, ob sie nicht im Vorfeld der Krawalle in der Schanze Platzverweise aussprechen könne. Viele Gewalttäter seien alkoholisiert. “Deswegen müsste man vielleicht über eine Begrenzung des Ausschanks nachdenken.”

Tatsache sei, dass diese Tätergruppe bisher nur ein “Nebenfeld polizeilicher Tätigkeit” gewesen sei. Der Schwerpunkt habe auf der Beobachtung der linken Szene gelegen. Das Problem: “Was apolitische Gewalttäter machen, die die Sau rauslassen wollen und ordentlich einen im Tee haben, lässt sich vorher nicht gut einschätzen. Da ist ein Zufallsprodukt unterwegs.”

Ob die Polizei Fehler gemacht hat, will Antje Möller, die GAL-Sprecherin im Innenausschuss, erst nach einer Prüfung der Geschehnisse sagen. “Ich will jetzt keine schnellen Schlussfolgerungen ziehen.” Von der innenpolitischen Sprecherin der Linken-Fraktion, Christiane Schneider, war gestern gar nichts zu hören. “Sie war bei den Demonstrationen nicht dabei und möchte deshalb nichts dazu sagen”, so Pressesprecher Martin Bialluch.

Fehler endlich eingestehen

Das hat die Polizei überrascht: Kaum ein Linksautonomer in der Stadt, aber trotzdem Gewalt und Randale im Schanzenviertel. Wie schrieb der Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) gestern in einer Pressemitteilung? “Wir hatten in Hamburg die Hoffnung, dass sich die Auseinandersetzungen diesmal in Grenzen halten würden.” Hoffnung gibt es immer, aber eine wirkungsvolle Polizeitaktik sollte doch anders aussehen. Dass die Zahl der “Erlebnis-Randalierer” wächst, war seit dem letzten Schanzenfest bekannt. Man hätte sich also durchaus darauf einstellen können, statt eines wohl organisierten Schwarzen Blocks möglicherweise ein paar Hundert spontan zusammenkommende Krawalltouristen bekämpfen zu müssen. Aber die Polizeiführung ist offenbar derart auf politisch motivierte Gewalttäter fixiert, dass alles andere nicht mehr so recht wahrgenommen wird.

Opfer dieser verfehlten Haltung sind die Polizeibeamten, die in zwei Nächten hintereinander im Schanzenviertel ihre Köpfe hinhalten mussten. Opfer dieser Haltung sind aber auch die Bewohner dieses attraktiven Viertels. Haben sie eigentlich kein Anrecht auf Schutz durch die Ordnungsbehörden? Wie müssen sich die Ladenbesitzer fühlen, deren Schaufensterscheiben kaputt, wie die Leute, deren Autos demoliert sind? Kein Wort dazu vom Innensenator. Der behauptete noch gestern, dass “die Polizei die Lage stets unter Kontrolle hatte”. Dieser Satz ist leichtfertig. Denn zu einer neuen, zu einer endlich wirkungsvollen Polizeistrategie für künftige Einsätze in der Schanze gehört zunächst das ehrliche Eingeständnis: Es ist ziemlich viel schiefgelaufen am 1. Mai 2010.

Chronik der Ausschreitungen rund um den 1. Mai

Die Ausschreitungen vom Wochenende seien in ihrer Heftigkeit mit den Krawallen nach den Schanzenfesten des Vorjahres zu vergleichen, sagte Polizeisprecher Ralf Meyer. Die Polizei setzte in beiden Nächten Schlagstöcke ein, um Randalierer vom Schulterblatt und aus den Seitenstraßen zu drängen. Am Sonnabend wurden zudem mehrere Wasserwerfer aufgefahren.

In der Freitagnacht hatten 200 “gewalterlebnisorientierte” Jugendliche Feuer aus Mülltonnen, Fahrrädern und Holzpaletten vor der Roten Flora entzündet. Die Polizei ließ sie zunächst gewähren. Ein Zug der Bundespolizei musste nach Stein- und Flaschenwürfen wieder abdrehen. Erst gegen 3 Uhr, verstärkt durch weitere Kräfte, räumte die Polizei das Schulterblatt. Bis 5 Uhr lieferten sich Polizei und Randalierer kleine Scharmützel.

In der Nacht zum 2. Mai lieferten sich knapp 700 Randalierer heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Zuvor war ein Demonstrationszug mit 1550 Teilnehmern vom Bahnhof Altona zum Schanzenviertel gezogen. Gegen 21.30 Uhr wurde die Demo von der Polizei beendet, als Steine geworfen wurden. Die Situation eskalierte kurz darauf auf der Kreuzung Weidenallee/Kleiner Schäferkamp und dem Schulterblatt. Die Polizei hatte 1000 Beamte im Einsatz. Sie wurden später durch 114 Bundespolizisten unterstützt, die aus Uelzen mit Hubschraubern und HVV-Bussen zum Schanzenviertel gebracht wurden. Die Krawalle dauerten bis 1.30 Uhr. In beiden Nächten wurden 49 Personen festgenommen. 29 kamen in Gewahrsam. 32 Bereitschafts- und vier Bundespolizisten wurden leicht, ein Feuerwehrmann und ein Anwohner schwer verletzt. (dfe)

“Pubertäre Vorstadt-Guerilleros”

Lieber anonymer Schanzen-Randalierer,

ich war dabei, als Du am 1.-Mai-Wochenende mit Rucksäcken voll Steinen und Brandbeschleunigern anreistest. Mit Mamas Monatskarte aus der Vorstadt, im Kopf viel billiger Fusel und wenig wirkliche Ideen. Die Gedanken leer von wirklich Wichtigem. Die große Sehnsucht nach Chaos spülte dich wie eine Ölpest zu uns in die Schanze, vor meine Haustür. Wo Du bist, erstirbt das soziale Leben. Erstirbt der Diskurs. Denn Dein Ziel ist das Chaos, die Gewalt. Die Zerstörung. Um jeden Preis. Oft auch gegen uns, die Anwohner des Schanzenviertels.

Ich habe Dich gesehen, als Du feige und versteckt unterm teuren Marken-Kapuzenpulli wieder mal sinnentleert mein Schanzenviertel zündeltest. Als Du Plastikmülltonnen und stinkenden Sperrmüll zu einem Feuer mitten zwischen unseren Häusern stapeltest. Ich hab Dich gesehen, als Du Fahrräder der Anwohner in die Flammen warfst. Ich habe dich erwischt, als Du Zweige und Bäume aus dem Park hinter der Flora, der uns Erholung sein soll, in dein stinkendes Straßenfeuer wuchtetest.

Ganz großes Kino? Nein. Ganz große Scheiße! Hey, Möchtegern-Mescalero: Plastik verbrennen? Fahrräder anzünden? Natur zerstören? Geht’s denn noch? Wie asozial ist das denn? Von zerschlagenen Scheiben des Kleingewerbes und zerstörten Studenten-Autos in den Nachbarstraßen gar nicht erst zu reden. Auch nicht von dem Ritual rund um die Haspa-Filiale und Deutsche Bank, wo Du und Deines Ungleichen vermeintliche Stärke gegen den Kapitalismus zeigst, indem Du mit riesigen Eisenstangen Geldautomaten und Schaufensterscheiben zerschlägst. Welch jämmerliches Spektakel, das jedem schadet, aber am wenigsten der Bank.

Ich habe Dich beobachtet, wie Du zwei Stunden unter Gejohle herumlungernder Billig-Bier-Teenager und von der Polizei lange ungehindert Krawall machen durftest. Dich hirnlos an Eigentum kleiner Leute, Anwohnerinteressen und sämtlichen Ideen vergingst, für die andere hier jahrelang gekämpft haben. Gekämpft damals auch mit Demos. Sicher auch mal mit Spektakel und Krawall. Aber selten so völlig sinnlos wie heute.

Während die wirklich Radikalen ihren Kick und Kampf diesmal wohl eher in Berlin suchen, wo trotz Krawall zumindest noch ein Rest von Meinung auf der Straße demonstriert und ausgetragen wird, wo Nazis zu verjagen und Spruchbänder zu tragen waren, da bleibst Du lieber brav und spießig zu Hause. Spielst Bürgerkrieg für Arme. Hoffst auf Sekunden-Prominenz in der krawallgeilen Lokalpresse. “Das ist krass-peinlich, Digger”, damit Du es auch in Deiner Sprache verstehst.

Du, pubertärer Vorstadt-Guerillero, aber hältst all Dein sinnentleertes Treiben in kompletter Unkenntnis sogar noch für Anarchie. Pinselst “Revolution” an jene Rote Flora, die wir auch mal freikämpften mit Demos, die aber heut meist für nichts mehr steht als für Intoleranz und Gewaltkulisse. Und zu allem Übel grölst Du bei brennenden Plastikplanen, die den hier lebenden Kindern die Lungen verklebt, auch noch “St. Pauli, St. Pauli”. Hey. Du verstrahlter Krawallerianer: Wir sind St. Pauli – Du aber definitiv nicht! Die mögen aufsteigen, Du aber, anonymer Asozialist, steigst ab, denn tief bist Du gesunken. Dort, bei “unserem FC St. Pauli”, will man Leute wie dich auch nicht.

Wir ticken hier sicher links-liberal, kritisieren gern den Staat, die Polizei. Aber wir ringen hier auch um Menschlichkeit, um Leben, um Lösungen. Du aber zerstörst sie. Und wenn Du stundenlang ungehindert auf dem Schulterblatt zündeln durftest, und dann doch noch die Ach-so-böse-Polizei vorbeikommt, um zumindest mal den Großbrand, der unseren Häusern gefährlich nahe kommt, zu löschen, dann wirfst Du mit Glasflaschen und skandierst gleichzeitig: “Keine Gewalt, keine Gewalt.” Hallo? Merkst Du noch was?

Such Dir, schäbiger halbstarker Krawallo, wenn Du zu viel Zeit hast, Arbeit, einen Sportverein, eine Freundin oder zumindest eine Meinung, einen Inhalt, für den es sich zu kämpfen lohnt. Und lass die Schanze, unsere Heimat endlich mal in Frieden, sie hat genug ohne Dich auszuhalten. In den Nachrichten hat man Dich als “Demonstrant” geradezu geadelt – einer, der politische Auseinandersetzungen pflegt, sich deshalb mit der Polizei auseinandersetzt.

Und eines, lieber sinnloser Straßenkämpfer, wisse: Lange lassen wir Anwohner uns das nicht mehr bieten. Dieses Mal haben wir Dich beobachtet – nächstes Mal greifen wir evtl. persönlich ein und vertreiben Dich aus dem Viertel – auch ohne Polizeieinsatz.

Kopfschüttelnde restsolidarische Grüße,

A., ein Anwohner aus dem Schulterblatt