Schanzenviertel wehrt sich gegen Randalierer
Die Bewohner des Schanzenviertels wollen ein Ende der Gewalt. Die Krawalle dauerten bis um 3 Uhr am Morgen. Es gab 42 Festnahmen.
Hamburg. Ein massiver Polizeieinsatz und die Mithilfe zahlreicher Bewohner des Schanzenviertels haben die Eskalation der Gewalt nach dem Schanzenfest in der Nacht zu Sonntag eingedämmt. Erneut flogen Steine und Flaschen vor allem auf Polizisten, wurden Schaufensterscheiben zerstört und ein Auto angezündet. Doch das Ausmaß der Ausschreitungen blieb hinter den Befürchtungen zurück.
Eine der Ursachen: Viele Bewohner des Szeneviertels wehren sich inzwischen gegen die Krawallmacher. Sie räumten Barrikaden aus dem Weg und löschten Feuer, die Randalierer auf den Straßen entzündet hatten. Das ermöglichte es der Polizei, sich zunächst zurückzuhalten. Viele Kneipen und Cafés auf dem Schulterblatt hatten am Abend des Schanzenfestes geschlossen. In den Fenstern hingen Zettel mit der Aufschrift: “Geschlossen gegen Gewalt”. In den Vorjahren hatten sich Gewalttäter häufig unter Schaulustige in den Kneipen gemischt und so vor der Polizei verborgen.
Bis gegen 22.50 Uhr war das Stadtteilfest weitgehend friedlich geblieben. Dann formierten sich mehrere Hundert junge, teilweise vermummte Randalierer am Neuen Pferdemarkt und bewarfen die dort in Stellung gegangenen Polizisten mit Flaschen und Steinen. Die Reaktion: eine sofortige Räumung des gesamten Schulterblatts, das sonst stets Zentrum der Ausschreitungen ist.
Die Aktivisten der Roten Flora – sie hatten tagsüber Führungen angeboten – schlossen daraufhin die Türen des autonomen Zentrums. Wohl ebenfalls, um den Randalierern keinen Rückzugsraum zu bieten. Die meisten Betreiber der Cafés auf der Piazza hatten schon vorher ihre Bierbänke und Stühle in Sicherheit gebracht. “Der Widerstand gegen den Widerstand wächst”, sagt Anwohner Alexander Leinhos, 35. “Die Menschen hier wollen diesen Krawall nicht mehr – das ist eindeutig der Tenor”, sagt auch Barbara Stenzel, 59, die seit den 70er-Jahren eine Konditorei im Viertel betreibt. Einhellige Einschätzung vieler Schanzenbewohner: “Die Randale auf der Straße war lange nicht mehr so schlimm wie in den Jahren zuvor.”
Ist der Protest der Anwohner ein Zeichen, dass die Gewalt in der Schanze bald ein Ende hat? “Ich fände es toll”, sagt die Musikerin Catharina Boutari. Die 35-Jährige hatte ein Spruchband mit einer eindeutigen Botschaft an Randalierer aus dem Fenster gehängt: “Geht woanders spielen”.
Nach Einschätzung der Polizei ging die Gewalt ganz überwiegend von Krawalltouristen aus. “Von den 42 Personen, die wir im Verlauf der Ausschreitungen festgenommen haben, kommt keine Einzige aus dem Schanzenviertel”, sagt Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Es handele sich meist um junge Männer aus anderen Stadtteilen und dem Hamburger Umland. Fast alle seien alkoholisiert gewesen. Unter den Festgenommenen sind nach Angaben der Polizei überdurchschnittlich viele Personen mit Migrationshintergrund.
Der SPD-Innenexperte Andreas Dressel begrüßt die Aktivitäten der Anwohner: “Wieder haben Krawalltouristen die Schanze als Bühne für ihre Gewaltlust missbraucht. Positiv ist, dass es Menschen aus dem Viertel gegeben hat, die deeskalierend eingegriffen haben. Auch dass einige Wirte demonstrativ ihre Kneipen geschlossen hielten, war ein wichtiges Zeichen.”
Hamburgs Innensenator Heino Vahldieck (CDU) lobte die Einsatztaktik der Polizei: “Jeder Steinwurf auf einen Polizisten ist einer zu viel, jede eingeschlagene Schaufensterscheibe ist ein Akt sinnloser Zerstörungswut.” Trotz der schnellen Räumung des Viertels dauerte der Einsatz der mehr als 2000 Polizisten bis nach 3 Uhr. Am Bahnhof Sternschanze und auf dem Neuen Pferdemarkt griffen Randalierer immer wieder Polizisten an. Elf Beamte und drei Schanzenfestbesucher erlitten leichte Verletzungen, meist Prellungen und Platzwunden
Polizist Kay Strasberg über den Tag des Einsatzes und die Nacht in der Schanze. Seiner Einheit gelang eine fast schon historisch zu nennende Festnahme
Der Tag beginnt gemütlich für Kay Strasberg, 38. Er ist Zugführer einer “Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit” (BFE) der Hamburger Polizei, somit einer Elitetruppe, die als besonders resolut und durchsetzungsstark gilt. Die darauf spezialisiert ist, Delinquenten notfalls auch gegen gröbere Widerstände abzuführen. Strasberg tut, was er an dienstfreien Sonnabendvormittagen am liebsten tut: ausschlafen und frühstücken in Winterhude. Er hat sich mit einem guten Freund in einem Café verabredet. Die Gedanken, sagt Kay Strasberg, sind aber schon am Morgen im Schanzenviertel. Im Einsatz, bei Steinewerfern und Polizistenhassern.
Hätte nicht seine Waschmaschine vor Kurzem ihren Geist aufgegeben, Strasberg würde noch ein wenig länger in der Sonne an der Gertigstraße sitzen wollen. So aber muss der kräftige Polizist, Mitglied in der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), zum Media- Markt, um sich nach einem Ersatz umzusehen. “Um 15 Uhr bin ich dann in der Dienststelle”, erzählt Strasberg. “Rechtzeitig genug, um noch ein wenig Sport treiben zu können.” Eine knappe Stunde läuft der 38-Jährige durch den Stadtpark. Während er um die Liegewiese kreist, drehen sich die Gedanken immer intensiver um den Abend.
Die Kollegen trifft der Mann mit dem modischen Kinnbart um 16.30 Uhr. Dienstbeginn, erste Besprechungen, Verpflegung und die Fahrt in den “Einsatzraum”, nach St. Pauli, auf das Heiligengeistfeld. Dort gibt der Chef der Bereitschaftspolizei, Hartmut Dudde, letzte Infos an die inzwischen in schwere Schutzkleidung gewandeten Beamten. Man trifft alte Bekannte: die Beamten aus Uelzen, mit denen die Hamburger BFE eine fast freundschaftliche Beziehung pflegt, die Kollegen aus Bayern, die feierfreudigen Beamten aus Berlin, die Nachbarn aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Man klönt, man kennt sich nicht nur von den Hamburger Schanzenfesten, sondern auch von Einsätzen in Heiligendamm, beim Castor-Transport oder dem 1. Mai in Berlin.
Gegen 20 Uhr geben der Leiter des Gesamteinsatzes, Polizeidirektor Peter Born, und Hartmut Dudde den Befehl zum Ausrücken. Strasberg und die 30 Beamten seiner Einheit postieren sich – tatsächlich – auf dem Hinterhof der “Bullerei”, dem Tim-Mälzer-Restaurant am Rande des Viertels. Strasberg: “Dort ist man dicht dran, aber erst mal nicht sichtbar.” Man muss ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Zivilbeamte, die sich unter die Feiernden und auf ein Losbrechen der Randale wartenden Menge gemischt haben, geben per Funk Lagemeldungen durch. Aber: Drei Stunden passiert erst mal gar nichts. Bis 22.50 Uhr. Vermummte Randalierer nähern sich den Polizeiketten am Neuen Pferdemarkt. Sie errichten Barrikaden, werfen Vogelschreck-Böller, Flaschen, Steine. Nicht ohne Resonanz: Zeitgleich stürmen weit über 1000 Polizeibeamte, begleitet von sechs Wasserwerfern und zwei Räumfahrzeugen, in das Schanzenviertel. Strasberg und seine BFE-Einheit rennen über die Schanzen- und die Susannenstraße auf das Schulterblatt. Knapp vor den Kollegen kommen sie an. Der 38-Jährige: “Von einem auf den anderen Moment waren wir mittendrin. Wir haben die Leute dann in Richtung Altonaer Straße gedrängt. Unser Ziel war es, die Piazza so schnell wie möglich leer zu bekommen.” Ein Plan, der aufgeht: Wasserwerfer halten die Randalierer in den Seitenstraßen. Polizeiketten versperren den Weg zurück.
Strasberg: “Als sich an unserem Standort nichts mehr tat, bekamen wir Order, in die Eifflerstraße zu kommen.” Flaschenwerfer abgreifen. Das Gleiche später noch mal am Schulterblatt, an der Max-Brauer-Allee und in der Lippmannstraße. “Die Jungs, die wir festgenommen haben”, berichtet Strasberg, “waren alle betrunken.” Und alle behaupten: “Ich hab doch nichts gemacht!” Danach, so Strasberg, werden sie jedoch alle recht schweigsam.
Er weiß um den Eindruck, den seine schwer gepanzerte Truppe schon bei Unbeteiligten hinterlässt. Betrunkene Jugendliche, die sich plötzlich bäuchlings unter zwei, drei Beamten in Vollschutz wiederfinden, werden einen solchen Moment gewiss ein Leben lang nicht vergessen. Doch nicht jeder zieht denselben Schluss: Für manche ist es ein heilsamer Schock, für andere ein weiterer Beleg dafür, dass die Polizei als sichtbarster Vertreter der Staatsmacht per se böse sei. Darum weiß natürlich auch Truppführer Strasberg. Manchmal bedauert er, dass er sich mit den jungen Delinquenten, die er festnimmt, nicht ein wenig näher beschäftigen kann. Er weiß, dass er sie spielend vom Gegenteil der von ihnen so gern gebrüllten Parole “All cops are bastards” überzeugen würde. Weil er ihre Sprache zu sprechen imstande ist.
Strasbergs Nacht auf der Schanze führt – quasi nebenbei – zu einem fast historisch zu nennenden Erfolg. Zivilfahnder beobachten am Moorkamp drei junge Männer, die einen Mercedes angezündet haben. Der Wagen brennt aus. Die Zivilbeamten verfolgen die Täter, rufen die BFE. Die nimmt die Täter fest: Es sind dies die ersten Auto-Anzünder, die seit Beginn der umfangreichen Serie im Sommer 2009 gefasst werden.
Bis um 6 Uhr in der Frühe bleibt Strasberg noch im Präsidium, erledigt den Papierkram. Seine Mannschaft kommt noch zur Nachbearbeitung zusammen. Ein wichtiger Moment für den 38 Jahre alten Beamten. “Da”, so Strasberg, “kannst du alles erzählen, was dich beschäftigt. Weil du weißt, dass die anderen genau verstehen, was du meinst.”
