Hamburger Abendblatt: Polizeischüler dringend gesucht

Seien es polizeiblaue Thermotassen oder Schlüsselanhänger: Die Polizei kann derzeit jede Reklame gebrauchen. “ Du@polizei.hamburg.de . Bewirb Dich jetzt“ steht seit Kurzem auf den Werbeartikeln der Ermittler und Streifenbeamten. Verteilt auf Schulhöfen und im Polizeishop ausgestellt, erweist sich der Aufruf bislang nicht als Renner – denn der dringend benötigte Nachwuchs fehlt. 250 Stellen will die Hamburger Polizei im kommenden Jahr neu besetzen. Doch obwohl die ursprünglichen Bewerbungsfristen längst überschritten sind, lassen die Bewerberzahlen noch deutlich zu wünschen übrig.

Also ist es mit Aufdrucken nicht mehr getan: Mit einer groß angelegten Werbekampagne will die Polizei ihre Nachwuchssorgen lösen. Fünf Werbeagenturen seien in einer „freihändigen Vergabe“ angeschrieben worden, bestätigte Polizeisprecher Mirko Streiber. Drei Agenturen haben Konzepte für eine „Personalwerbekampagne“ angeboten. Welche den Zuschlag bekommt, ist offen. Die Entscheidung wird in Kürze fallen. Die Kampagne soll noch im Herbst beginnen. Zum Etat äußert sich die Polizei nicht, aber da es sich um eine sogenannte freihändige Vergabe handelt, dürfte dieser nicht höher als 50.000 Euro sein.

„Rückläufige Bewerberzahlen sind nicht nur in der freien Wirtschaft zu verzeichnen, sondern mittlerweile auch bei der Polizei Hamburg“, sagte Streiber. Mit der Kampagne soll der Nachwuchs langfristig gesichert werden. Der Arbeitsmarkt sei hart umkämpft, zudem zeichneten sich erste Auswirkungen des demografischen Faktors – Überalterung auf der einen, Geburtenmangel auf der anderen Seite – ab.

1500 Bewerber benötigt die Polizei allein, um die ausgeschriebenen Plätze im gehobenen Dienst zu decken. Gemeldet haben sich aber noch nicht einmal 1000, und die Frist ist eigentlich abgelaufen. Dabei geht es hier nur um 50 Studienplätze an der Polizeihochschule. Doch die Anforderungen sind hoch, viele Bewerber bestehen die Auswahltests nicht. Die Quote liegt bei eins zu 30: Um einen Studienplatz zu besetzen, muss die Polizei 30 Bewerber testen.

Nicht ganz so hoch sind die Anforderungen an die Bewerber für den mittleren Dienst, doch auch hier hat eine Laufbahn als Polizeibeamter ihren Reiz verloren. 200 Stellen sollen im Februar und August kommenden Jahres besetzt werden. Während die knapp 75 freien Stellen zum Februar bereits besetzt sind, haben sich auf die übrigen 125 Ausbildungsplätze zum 1. August 2012 nur 600 Bewerber gemeldet. Nötig wären dreimal so viele. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr gab es mehr als 3100 Bewerber auf 100 freie Stellen.

Wie mit der Nachwuchsmisere umgegangen werden soll, wird derzeit heftig diskutiert: Neben der großen Werbekampagne ist derzeit auch eine Entschärfung der Deutschtests im Gespräch, wie das Abendblatt aus mehreren Quellen erfuhr. Das obligatorische Diktat, das anscheinend schwierigste Nadelöhr auf dem Weg zur Beamtenlaufbahn, könnte so vereinfacht werden, dass mehr Bewerber bestehen. Außerdem wird überlegt, Bewerber mit Migrationshintergrund einem speziellen Deutschtest zu unterziehen. Die Idee dahinter: Dringend nötige Fremdsprachenkenntnisse wiegen fehlende Deutschkenntnisse auf.

„Wir zahlen den Preis dafür, dass Politiker dieser Stadt über Jahre den Beruf des Polizeibeamten für junge Menschen uninteressant gemacht haben“, sagt André Schulz, Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). „Anstatt Anreize zu schaffen, hat man den Studenten an der Polizeihochschule die Ausbildungsvergütung im Grundstudium gestrichen. Zusätzlich müssen sie sich auch noch selbst krankenversichern.“ Attraktivität sehe anders aus. Die Folge: Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Bewerberzahl mehr als halbiert.

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Die Polizei überlegt angesichts des Nachwuchsmangels, den Deutsch-Test für Polizeischüler zu vereinfachen, damit mehr Bewerber ihn bestehen. Halten Sie einen solchen Schritt für richtig?

Das große Problem sei, dass nur 40 Prozent der Auszubildenden der Hamburger Polizei aus der Hansestadt kommen, sagt ein Beamter. 60 Prozent hingegen stammten erfahrungsgemäß aus anderen Bundesländern. Das heißt: Hamburg steht in direktem Konkurrenzkampf mit anderen Ländern. Und die bieten derzeit oft bessere Startbedingungen. In Kiel etwa, an der Polizeihochschule Schleswig-Holsteins, werden die Studenten entlohnt und müssten sich um ihre Krankenversicherung keine Gedanken machen.

Doch nicht nur während der Ausbildung wird gespart: „Den Polizisten wurde in den letzten Jahren bereits das Weihnachtsgeld gekürzt, die freie Heilfürsorge wurde abgeschafft, das Urlaubsgeld und die Ruhegehaltsfähigkeit der Polizeizulage wurden gestrichen“, sagt Schulz. „Parallel wurde die Wochenarbeitszeit verlängert, die Pensionsansprüche gekürzt und die Ausgleichszahlung für Pensionäre gestrichen. Derzeit soll erneut das Weihnachtsgeld gestrichen oder drastisch gekürzt werden.“

„Wir haben immer gefordert, dass mehr Stellen besetzt werden sollen“, sagt Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Allerdings dürfe ein abgesenktes Bewerberniveau nicht der Preis dafür sein. „Die deutsche Sprache ist die Grundlage und das Handwerkszeug der täglichen Polizeiarbeit.“ Viele Bewerber schielten gleichzeitig auf Stellen in der Wirtschaft oder auf die Sicherheit in anderen Beamtenberufen. „Nicht jeder geht wegen der schönen Stadt nach Hamburg. Wir müssen uns sehr strecken, um zu rekrutieren.“

Der Polizeiberuf sei noch immer krisensicher, heißt es in der Innenbehörde. Und: Der Bewerberschwund sei auch auf den doppelten Abiturjahrgang zurückzuführen, mit dem im vergangenen Jahr noch doppelt so viele Jobsuchende auf dem Markt waren. „Wir müssen mehr graben“, gibt Behördensprecher Frank Reschreiter zu. „Aber wir wollen guten, qualifizierten Nachwuchs.“ Standards abzusenken, könne sich die Polizei nicht erlauben.

 

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