Schanze wird Gefahrengebiet

Das Ritual nach dem Schanzenviertelfest ist jedes Jahr dasselbe: Jugendliche zeigen der Polizei den „Stinkefinger“ und provozieren einen Großeinsatz von Beamten in Vollschutz samt Wasserwerfer auf dem Schulterblatt – zum Leidwesen der Anwohner. Der Aufmarsch der Randalierer, die in der Polizeisprache als „erlebnisorientierte Jugendliche“ bezeichnet werden, könnte jedoch in diesem Jahr ausbleiben.

Die szenekundigen Ermittler der Polizei haben bislang weder im Internet noch vor Ort Hinweise darauf, dass es nach dem Familienfest am kommenden Wochenende, zu dem wieder 10 000 Besucher erwartet werden, noch zu Ausschreitungen kommen könnte, ganz im Gegensatz zu den Vorjahren.

Entsprechend plant die Polizei mit weniger Kräften als früher. Wie das Abendblatt aus Polizeikreisen erfuhr, hat die Innenbehörde eine Woche vor dem Stadtteilfest nur drei Hundertschaften zur Verstärkung der eigenen Kräfte aus anderen Bundesländern angefordert. Erwartet werden Polizeikräfte aus Schleswig-Holstein, denen die Sternschanze bereits aus vergangenen Einsätzen gut bekannt ist. Noch im vergangenen Jahr waren zum Schanzenfest zehn auswärtige Hundertschaften angefordert worden. Zum Einsatz kamen dann zusätzlich zu den Hamburger Beamten sieben Hundertschaften, darunter auch eine der Bundespolizei – also mehr als doppelt so viele, wie in diesem Jahr überhaupt eingeplant sind.

„Wir erwarten zurzeit ein ruhiges und vernünftiges Schanzenfest, das auch am Abend und in der Nacht offensichtlich nicht in Krawall umschlagen wird“, sagt der Landeschef der Polizeigewerkschaft DPolG, Joachim Lenders. Dennoch traut die Behörde dem Frieden nicht: Auch in diesem Jahr richtet sie deshalb ein sogenanntes Gefahrengebiet rund um das Schanzenviertel ein: Seine Grenzen findet es in den Straßen Fruchtallee, Schäferkampsallee, Schröderstiftstraße, Rentzelstraße, Karolinenstraße, Glacischaussee, Simon-von-Utrecht-Straße, Holstenstraße, Stresemannstraße, Alsenstraße, Doormannsweg. Innerhalb dieses Gebietes kann die Polizei Besucher auch ohne Verdacht kontrollieren, in Gewahrsam nehmen oder Platzverweise erteilen.

 

 

 

 

 

So sollen Ausschreitungen wie in früheren Jahren in der Nacht zum Sonntag verhindert werden“, sagte Polizeisprecherin Ulrike Sweden. Das Gefahrengebiet bestehe in der Zeit zwischen Sonnabend, 23 Uhr, und Sonntagmorgen, 5 Uhr. „Die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass ein solches Gefahrengebiet sinnvoll ist“, so Sweden. „Damit können wir die Spreu vom Weizen trennen.“ Zum Polizeiaufgebot und zum Potenzial möglicher Randalierer will sich die Polizei bislang nicht äußern. Eine genaue Lageeinschätzung gibt die Behörde erfahrungsgemäß erst zwei bis drei Tage vor dem Schanzenfest heraus.  

Sollte die Sternschanze wirklich eine ruhige Nacht nach dem Schanzenfest erleben, wird dies wohl weniger an einer Gewaltabsage der Szene liegen als darin, dass viele Autonome andere Prioritäten setzten: Am kommenden Wochenende jähren sich die gewaltsamen Übergriffe Hunderter Rechtsradikaler auf Asylbewerber und vietnamesische Arbeiter im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen zum 20. Mal. In der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns sind deshalb mehrere Gedenkveranstaltungen und am Sonnabendnachmittag auch eine große Demonstration mit mehreren Hundert Teilnehmern geplant. Die Polizei erwartet, dass ein Großteil der sonst auf dem Schanzenfest erwarteten Linksradikalen nach Rostock ziehen könnte.

Während bei den Krawallen nach dem Schanzenfest 2010 noch 14 Menschen verletzt wurden, darunter elf Polizisten, verhinderte das Großaufgebot mit knapp 2200 Beamten im vergangenen Jahr die befürchteten massiven Ausschreitungen. Es kam nur zu vereinzelten Auseinandersetzungen, bei denen letztlich sechs Polizisten vor allem leichte Verletzungen erlitten.

31 Randalierer waren 2011 festgenommen worden. Wie eine Senatsanfrage des CDU-Innenexperten Karl-Heinz Warnholz aufdeckte, waren zwölf von ihnen „Krawalltouristen“. Den weitesten Weg hatten ein Hesse und ein Bayer. Die anderen stammten aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Weitere Randalierer waren extra aus Nordrhein-Westfalen und Berlin angereist.

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