„Sparkurs macht Beamte krank“

 

logo welt Logo AbendblattHAN Harburger Anzeigen

 

  Polizeigewerkschaft warnt vor steigenden Fehlzeiten. Jeder Zehnte schon dienstunfähig

 „Das ist besorgniserregend“, sagt Thomas Jungfer von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG).

Rund 850.000 Fehltage wegen Krankheit sind im vergangenen Jahr in der Hamburger Verwaltung angefallen. Das geht aus einer internen Erhebung hervor, die der WELT vorliegt. Dabei sind die Unterschiede in den verschiedenen Berufskategorien eklatant. So ist der Krankenstand beim Vollzugspersonal der Justizbehörde und dem Vollstreckungspersonal zehn Mal so hoch wie bei der „gesündesten“ Berufsgruppe, der Hochschullehrkräfte und Dozenten. Durchschnittlich liegt die Fehlzeitenquote in der Hamburger Verwaltung bei 7,7 Prozent. Statistisch fielen 3842 der Mitarbeiter der Stadt im vergangenen Jahr komplett wegen Krankheit aus, die jeder durchschnittlich mit einem Jahresgehalt von rund 47.700 Euro bezahlt werden.

Mit einer Fehlzeitenquote von 13,4 Prozent liegt das Vollstreckungs- und Vollzugspersonal, überwiegend bei der Justizbehörde beschäftigt, an der Spitze der Krankenstatistik der Stadt. 46.449 Arbeitstage wurde wegen Krankheit nicht abgeleistet. An der Spitze liegen auch die Reinigungskräfte, die es auf einen Krankenstand von 11,5 Prozent, der Berufsfeuerwehr, Krankenstand 11 Prozent, oder der Polizeivollzugsbedienstete, die es auf einen Krankenstand von 9,8 Prozent bringen.

Der größten Anteil der Krankheitstage entfiel mit 191.860 auf die Polizeivollzugsbediensteten. Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch bräuchte 864 kerngesunde Polizeimitarbeiter zusätzlich, um die Krankheitstage auszugleichen. Bei der Feuerwehr fehlen statistisch 282 Einsatzkräfte über das Jahr. Zum Vergleich. Pro Schicht sind die Hamburger Feuerwachen mit rund 400 Einsatzkräften besetzt. Bürofach- und Bürohilfskräfte bringen es auf 185.012 Krankheitstage. Leitendende oder entscheidende Verwaltungsfachleute sind an der Statistik mit 105.894 Krankheitstagen beteiligt. Geht es um die Krankheitsdauer, ist ebenfalls die Innenbehörde am stärksten belastet. 1728 Mal meldeten sich im vergangenen Jahr dort Mitarbeiter mehr als 30 Arbeitstage krank. Bei der Justizbehörde waren es 700, bei der Schule für Schule und Berufsbildung 417 solcher Langzeitkrankmeldungen. Insgesamt gab es in der Hamburger Verwaltung im vergangenen Jahr 4.839 Krankmeldungen von mehr als 30 Arbeitstagen.

 So ist der Krankenstand bei der Hamburger Feuerwehr in den vergangenen Jahren parallel zu den Querelen um die Dienstzeitregelung angestiegen. „Schichtdienst und immer höhere Anforderungen tragen mit zu der hohen Krankheitsquote bei“, sagt Thomas Jungfer, von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Das ist besorgniserregend“, sagt Thomas von Jungfer von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Wir haben es hier nicht mit einem punktuellen Ereignis zu tun, sondern mit einer kontinuierlichen Entwicklung, die jetzt bereits mehrere Jahre andauert.“ Jungfer macht für den hohen Krankenstand vor allem die Unzufriedenheit der Beamten mit den Arbeitsbedingungen und die immer höheren Anforderungen verantwortlich. „Die Polizei wird durch zahlreiche Sparmaßnahmen belastet“, sagt Jungfer. „Es sind beispielsweise 31 Stellen bei den Angestellten im Polizeidienst frei, aber nicht neu besetzt worden.“ Es handelt sich dabei um Angestellte, zu deren Aufgaben es gehört, Konsulate, Synagogen, aber auch das Polizeipräsidium in Alsterdorf zu bewachen. „Solche Wachaufgaben müssen in immer größerem Umfang von Kollegen der Bereitschaftspolizei und der Einsatzzüge übernommen werden“, kritisiert Thomas von Jungfer.

„Allein in den vergangenen zwei Monaten mussten Bereitschaftspolizisten 200 Bewachungsdienste in Alsterdorf übernehmen.“ Sparmaßnahmen belasten laut Gewerkschaft die Polizei in erheblichem Umfang. So soll der Erkennungsdienst, der Fotos erstellt und von Festgenommenen Fingerabdrücke nimmt, künftig nicht mehr zentral im Polizeipräsidium angesiedelt sein – die Aufgaben sollen an den Wachen erledigt werden. „Dabei wird die Arbeit komplett verlagert, um Angestellte einzusparen, ohne dafür an den Wachen für mehr Personal zu sorgen“, sagt Jungfer.

Auch beim Gefangenentransport, beim Schießtraining und bei der Kriminalpolizei, die mit deutlich weniger Sachgebieten und damit auch weniger Sachgebietsleitern auskommen soll, wird gespart. Gekürzt wurde auch der Posten „Einsatzlagen“.

Standen dafür laut Jungfer 2012 noch 1,3 Millionen Euro zur Verfügung, sind es jetzt nur noch 300.000 Euro. Mit dem Geld soll die Verpflegung bei Großeinsätzen, aber auch der Einsatz auswärtiger Hundertschaften in Hamburg bezahlt werden. „Wenn man nicht auskommt, ist zu befürchten, dass man das Geld aus anderen Bereichen der Polizei abzweigen muss“, warnt Jungfer. „Die Arbeitszufriedenheit wird durch Sparmaßnahmen, aber auch durch fehlende Entscheidungen bei der Umstrukturierung immer schlechter“, glaubt Jungfer. „Wir werden uns, wenn keine Lösung gefunden wird, auf einen hohen und noch weiter steigenden Krankenstand einstellen müssen.“

Ganz anders sieht es etwa an den Hochschulen aus. Nur wenige Krankheitstage fielen im vergangenen Jahr bei den Berufsgruppen der Hochschullehrkräfte und Dozenten, die eine Fehlzeitenquote von 1,4 Prozent hatten.  Geistes- und naturwissenschaftlichen Berufe (1,6 Prozent), aber auch der Richter und Staatsanwälte (2,2 Prozent) scheinen ähnlich gesund zu sein. „Bei den gering bezahlten Berufsgruppen liegt die Krankenquote höher“, sagt Bettina Lentz, Leiterin des Personalamtes. „Die Berufszufriedenheit spielt dabei auch eine Rolle.“

Holzdamm 18
20099 Hamburg
040 - 25 40 26-0
dpolg@dpolg-hh.de