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Die Justiz zieht Lehren

Als Lehre aus dem Verhandlungschaos um die sogenannten 20-Cent-Killer wird nun die Strafprozessordnung geändert: Hamburgs Justizsenator Till Steffen hat eine Initiative in den Bundesrat eingebracht, um in bestimmten Fällen längere Unterbrechungen zu ermöglichen: „Die ersten Signale sind positiv“, sagte der Justizsenator im HAN-Interview.

Harburg. Bisher darf eine Hauptverhandlung nur maximal bis zu einem Monat unterbrochen werden. Anlass war die vorzeitige Freilassung zweier junger Männer, die einen 44-Jährigen am Seevetunnel in Harburg totgetreten haben sollen, weil eine Richterin wegen des Vulkanausbruchs auf Island nicht rechtzeitig aus dem Urlaub zurückkehrte.

Eine Verlängerung dieser Frist ist laut Strafprozessordnung nur wegen Krankheit eines Prozessbeteiligten möglich, nicht aber wegen Ereignissen wie der isländischen Vulkanaschewolke, die den Flugverkehr lahmlegt.

„Daraus haben wir eine klare Konsequenz gezogen: Wenn es möglich ist, dass wir eine Gerichtsverhandlung länger unterbrechen, weil der Vorsitzende Richter eine schwere Grippe hat, dann muss das auch möglich sein, wenn der europäische Flugverkehr zum Erliegen kommt.“ Im Frühjahr dieses Jahres kamen die mutmaßlichen Täter vorerst auf freien Fuß – einer der beiden nutzte die Freiheit unter anderem, um eine 18-Jährige zu verprügeln, wie berichtet.

Im ersten Teil des HAN-Interviews reagiert Steffen unter anderem auf die Kritik des Landesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft, Joachim Lenders, der härtere Strafen fordert, und erläutert am Beispiel des Falls „Pascal E.“, der an der Bremer Straße niedergestochen wurde, warum die Einweisung des Täters in ein geschlossenes Krankenhaus eine sinnvolle Maßnahme sein kann. In unserer morgigen Ausgabe erläutert Steffen die näheren Gründe, warum der Prozess um die „20-Cent-Killer“ jetzt komplett von vorn aufgerollt werden muss.

Nur noch Milde walten zu lassen, ist der falsche Weg

„Ich erwarte von der Justiz, dass Täter angemessen abgeurteilt werden“, hat jetzt Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft Hamburg, mit Blick auf die Harburger Gewalttaten gesagt. Es könne nicht sein, dass nur das untere Ende des Strafmaßes ausgeschöpft werde.

Wie mehrfach berichtet, hatten einige Taten in Harburg für Aufregung gesorgt – und deren Aufarbeitung vor Gericht (siehe unten). „Ich habe nicht den Eindruck, dass das Pendel unter dem grünen Justizsenator Steffen in Richtung stärkere Strafbefehle ausgeschlagen ist“, so Lenders.

Man brauche keine härteren Gesetze, müsse sie nur voll ausschöpfen: „Nur noch Milde walten zu lassen, ist der falsche Weg.“ Und das sorge auch für Kopfschütteln in der Bevölkerung. Drastische Strafen dienten auch der Abschreckung. Es sei schlimm, dass die sogenannten 20-Cent-Mörder wegen der Gerichtsprobleme wieder frei gekommen seien. Viel gravierender sei aber, dass die Täter womöglich mit milden Strafen davon kämen. Es gebe eine Tendenz, dass das Strafmaß bei Gewaltverbrechen nur noch sehr selten im oberen Bereich ausgeschöpft werde: „Es wäre ein gutes Signal für Bevölkerung und Straftäter, wenn die merken, dass Gewaltverbrechen hart bestraft werden.“

 Auch kümmere sich der Staat meist nur um den Schutz der Täter – und um deren schwere Kindheit, das schwierige Zuhause, die Alkoholprobleme. An die Opfer werde nicht gedacht, aber um die Täter werde ein Schutz aufgebaut: „In der Bevölkerung haben wenige Verständnis, wenn Täter mit Samthandschuhen angefasst werden.“

Der Täter, der Pascal E. erstochen hat, wird wohl aufgrund von Schuldunfähigkeit in die Psychiatrie kommen. Lenders: „Die Bevölkerung muss vor so einer tickenden Zeitbombe geschützt werden. Er muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates aus dem Verkehr gezogen werden.“

Der Senat schickt immer weniger Polizisten zum Patrouillieren auf die Straße.

An fast allen Wachen werden die Stunden reduziert, in denen die Beamten ohne konkreten Einsatz unterwegs sind – in vielen Stadtteilen gehören Polizisten auf Streife nicht mehr zum alltäglichen Straßenbild.

„Für das Sicherheitsempfinden der Hamburger ist dieser Trend alles andere als erfreulich“, sagt SPD-Innenexperte Andreas Dressel.

Seine Anfrage an den Senat ergab: In diesem Jahr wurden im Vergleich zu 2006 32,85 Prozent Präsenzstunden der Polizei weniger verzeichnet. Im Vergleich zu 2009 sind es 21,92 Prozent weniger. Während die Präsenz in der Schanze (plus 85 Prozent) gestiegen ist, gab es z. B. in Wilhelmsburg 57 Prozent weniger Stunden als 2006.

Die Innenbehörde sieht darin kein Problem. Sprecher Ralf Kunz: „Die Kennzahl allein sagt nichts über die tatsächliche Präsenz der Polizei auf der Straße aus. Der Begriff ,Präsenzstunden‘ ist nur ein Teilaspekt der polizeilichen Aufgabenvielfalt.“ Ansprechbarkeit und Sichtbarkeit der Polizei blieben auf hohem Niveau gewährleistet.

Dressel widerspricht: „Das stimmt nicht! Die Präsenzstunden sind genau dafür entwickelt worden, um dem Bürger sichtbar zu machen, wie lange und häufig unsere Polizeibeamten auf der Straße präsent sind.“

Freddi Lohse, Vize-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, bestätigt: „Die Präsenzschichten wurden aufgelöst, um die Funkstreifenwagen ausreichend zu besetzen. Die Wachen sind personell dramatisch unterbesetzt.“

Rund 40 Zivilfahnder-Stellen seien derzeit vakant. Es finde zum großen Teil nur noch Einsatzbewältigung der Notrufe statt.

Die Situation dürfte sich noch verschlimmern: Laut Haushaltsentwurf plant der Senat für die nächsten Jahre statt 600 000 nur noch 430 000 Präsenzstunden hamburgweit.

Dressel: „Bürgermeister Ahlhaus hat sein Versprechen gebrochen, nicht bei der Polizeipräsenz auf der Straße zu sparen. Erstaunlich, wie schnell er sein altes Steckenpferd Innenpolitik vergessen hat.“

Justizsenator im Kreuzverhör

Als Justizsenator ist er zuständig für Gerichte, Staatsanwaltschaften und Strafvollzug: Im ersten Teil des HAN-Interviews äußert sich Till Steffen (37) zur Kritik des Landesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft, Joachim Lenders, und über den Fall „Pascal E.“, bei dem die Staatsanwaltschaft von einer Schuldunfähigkeit des Täters ausgeht.

Der Justizsenator stellte sich den Fragen von HAN-Mitarbeiter Florian Kleist.

HAN: Ein Grüner als Justizsenator: Wie oft ist Ihnen eigentlich schon signalisiert worden, dass das nicht so richtig zusammenpasst?

So direkt eigentlich noch nicht. Es hat ja schon ein paar grüne Justizminister in anderen Ländern gegeben. So zum Beispiel vor einigen Jahren Wolfgang Wieland in Berlin. Das ist also nicht ganz untypisch, weil die Grünen einen sehr großen Wert auf die Wahrung der Bürgerrechte legen. Deshalb kann dieses typische Wechselspiel zwischen Justiz und Innenbehörde ganz gut bedient werden, wenn auf der Justizseite ein Grüner ist. Was natürlich bei Justiz und bei Innenpolitik eine große Rolle spielt ist, dass wir Grünen deutlich machen, dass wir die Sorgen der Menschen ernst nehmen und reagieren, ohne populistischen Strömungen hinterherzulaufen, die hier immer eine große Rolle spielen.

 Dann kommen wir doch gleich zu den populistischen Strömungen: nämlich dem Schrei nach härteren Strafen. Der Hamburger Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Joachim Lenders, hat im HAN-Gespräch in Bezug auf Jugendgewalt kritisiert, dass unter dem „grünen Justizsenator Steffen das Pendel nicht in Richtung härtere Strafbefehle ausgeschlagen ist“. Wie sehen Sie das? Ist bei Ihnen das Pendel in diese Richtung ausgeschlagen?

Also der Punkt ist zunächst: Über die Härte der Strafe entscheiden die Richterinnen und Richter, und das tun sie natürlich unabhängig! Die würden es sich verbitten, wenn der Justizsenator sagen würde: „Jetzt wird es mal Zeit für härtere Strafen!“ Das hat Herr Kusch zwar gemacht, aber es hatte überhaupt keine Wirkung. Es gab zwar eine fehlerhafte Statistik, die das suggerierte. Aber es ist in Wahrheit nicht so, dass sich die Richterinnen und Richter davon beeindrucken lassen würden. Sie urteilen auf der Grundlage von Straftatbeständen mit einem bestimmten Strafrahmen und innerhalb dessen müssen sie eine angemessene Strafe finden. Die Politik hat auf die Frage, wie hart Strafen ausfallen, aufgrund der Gewaltenteilung keinen Einfluss. Ich sehe meine Aufgabe schon darin, die Justiz gegen Kritik zu verteidigen, soweit sie unzutreffend ist. Aber gerade vor dem Hintergrund richterlicher Unabhängigkeit ist es nicht meine Aufgabe, darauf zu drängen, dass sich die Strafen in eine bestimmte Richtung entwickeln.

Nun spielt aber beim Thema Sicherheit auch immer das Gefühl eine Rolle, dass die Täter eine gerechte Strafe erfahren. Wie können Sie das vermitteln?

Ich finde es wichtig, deutlich zu machen, dass die Sachen, die die Gerichte zu entscheiden haben, häufig vielschichtiger sind als das, was dann in den Medien rüberkommt und lediglich durch Schlagzeilen transportiert wird. Wir haben durchaus Fälle, bei denen die Strafe nicht am unteren Ende des Strafmaßes liegt. Wenn Sie an den Fall denken, bei dem jemand am U-Bahnhof Billstedt zusammengetreten wurde: Hier wurde ein Täter zu viereinhalb Jahren verurteilt. Das ist schon eine ganz erhebliche Strafe. Man muss natürlich auch immer sehen: Wir wollen, dass die Leute nicht erneut Straftaten begehen und dabei ist es nicht immer hilfreich, wenn man sie ins Gefängnis steckt. In einigen Fällen leisten wir einen größeren Beitrag, wenn wir die Leute so stabilisieren, dass sie nicht weiter straffällig werden.

Im Fall „Pascal E.“, der im Juni dieses Jahres an der Bremer Straße erstochen wurde, beantragt die Staatsanwaltschaft die Schuldunfähigkeit des Täters. Viele finden das ungerecht, weil er „nur“ in ein Krankenhaus kommt und nicht ins Gefängnis: Können Sie unter anderem den Angehörigen die Sorge nehmen, dass der Täter nach zwei Jahren wieder rauskommt?

Es ist nicht so, dass die Leute im Maßregelverzug – so heißt die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus – kürzer hinter verschlossenen Türen sitzen als für die gleiche Tat verurteilte Straftäter, sondern es kann – je nachdem – auch länger sein. Es hängt davon ab, ob eine Aussicht auf Besserung besteht. Es kann also sein, dass sie über lange Zeit in einem geschlossenen Krankenhaus sind. Das ist auch nicht gerade witzig, in einem Krankenhaus eingesperrt zu sein. Mit dem Umstand, dass jemand schuldunfähig ist, müssen wir uns abfinden: Aber durch die Einweisung erfolgt der Schutz der Bevölkerung. Die Leute fragen natürlich zu Recht: Moment mal, der ist schuldunfähig, hat einen Menschen umgebracht, passiert das jetzt möglicherweise einfach wieder? Aber das ist eben nicht die Konsequenz: Er wird in ein Krankenhaus eingewiesen, dort behandelt und nur, wenn er sich gebessert hat und nicht mehr gefährlich ist, kann er entlassen werden.

Die Sorge vieler ist, dass die Dauer der Unterbringung dann nicht mehr in den Händen der Justiz liegt, sondern in denen von Gutachtern?

Das ist so nicht richtig: Die Entscheidung über die Freilassung trifft nach wie vor ein Gericht. Das läuft genauso nach den Regeln des Strafgesetzbuchs, aber natürlich auf der Basis von Gutachten. Diese kommen an einer Vielzahl von Stellen zum Tragen, und die Richterinnen und Richter müssen sich selbst überzeugen, ob das, was in dem Gutachten steht auch richtig ist. In vielen Fällen wird die Meinung eines zweiten Gutachters eingeholt, wenn etwas nicht wirklich überzeugend ist. Es ist zwar statt Gefängnis Krankenhaus, aber prozessual gesehen relativ ähnlich, wenn man das Ganze betrachtet.

Autonome drohen Hamburg mit „Naturkatastrophe“ der Gewalt

Die Polizei bereitet sich in Hamburg auf schwere Krawalle zum Auftakt der Innenministerkonferenz vor. Zu den beiden für Sonnabend angemeldeten Demonstrationen werden nach Einschätzung weit mehr Teilnehmer kommen, als vom Veranstalter angegeben. So wird am Nachmittag mit bis zu 1800, am Abend bei der zweiten Demonstration, die vom Bereich Gänsemarkt ins Schanzenviertel geht, mit bis zu 3500 Teilnehmern gerechnet. Mit bürgerlicher Klientel rechnet die Polizei nicht. Der Aufzug dürfte aus den rund 500 Hamburger und vielen auswärtigen Autonomen sowie „Spaßrandalierern“ bestehen. Bundesweit hat die Szene für die Demonstration mobilisiert, die, so die Ankündigung, wie eine „Naturkatastrophe“ über Hamburg hereinbrechen soll.

 Die Polizei hat von Sonnabendabend bis Sonntagmorgen ein Kontrollgebiet eingerichtet, das sich von Eimsbüttel bis St. Pauli erstreckt und das gesamte Schanzenviertel einschließt. Polizisten können so in dem Bereich ohne konkreten Anlass Kontrollen durchführen. Offenbar erwartet die Polizei, dass gewaltbereite Demonstranten Feuerwerkskörper oder Wurfgeschosse mitbringen.

 „Die Zeichen stehen auf Sturm“, sagt Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Die Polizei und auch ich persönlich rechnen mit erheblichen Krawallen während und nach der Demonstration.“ Ausschreitungen, so die Einschätzung Lenders, müssten „im Keim erstickt werden“. Dieser Tag ist ein Gradmesser für die gesamte Woche, in der an jedem Tag demonstrative Aktionen gegen die Innenministerkonferenz angekündigt sind. Zu keinem Zeitpunkt dürfe die Polizei zulassen, dass die Ankündigung der Szene „Out of Control“, also: „Außer Kontrolle“, Wirklichkeit werde.

„Freibrief für die Raser“

Raser-Richter Helmut Knöner bekommt von vielen Recht: Autofahrer würden in die Falle gelockt, es müssten neue Regeln her. Dem widerspricht der ADAC. Das NRW-Ministerium verteidigt die Kontrollen.

Kontrolle oder Falle? Schon am Begriff scheiden sich die Geister. Die Städte wehren sich gegen Knöners Anschuldigung der Abzocke, doch viele geben dem Richter recht: Autofahrer würden in die Falle gelockt, es müssten neue Regeln her.

Dem widerspricht der ADAC. Es sei unzumutbar, per Gesetz festzulegen, wo und wie gemessen wird. Das führe zu einem „Blitzatlas“ und damit zu einem „Freibrief für Raser.“ Allerdings habe man auch schon festgestellt, dass in den Ferien vor Schulen geblitzt würde. Das müsse aufhören.

Wolfgang Beus (51) vom NRW-Innenministerium ist sauer auf den Richter: „Raserei ist Unfallursache Nummer 1. Tempokontrollen sind vorbeugende Maßnahmen, haben mit Geldschneiderei nichts zu tun.“

Das Bundesjustizministerium bestreitet, dass es, wie Knöner behauptet, keine Rechtsgrundlage für Radarfallen gebe. Das sei in der Strafprozessordnung geregelt.

Und Joachim Lenders (Foto), stellv. Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt: „Ich kann die Auffassung des Richters nicht nachvollziehen. Eine Geschwindigkeitsüberschreitung bleibt eine Geschwindigkeitsüberschreitung. Ich will aber nicht ausschließen, dass manche Kommunen gern dort blitzen, wo es sich lohnt.“

Und der Richter? Kriegt der jetzt Ärger? Helmut Knöner fürchtet das nicht. „Vor Auseinandersetzungen mit meinem Dienstherrn habe ich keine Angst.“

So werden unsere Polizisten verheizt

20 000 Polizisten, 28 Stunden ohne Pause im Dienst, ohne Verpflegung, dafür im Stein-, Flaschen- und Molotowcocktail-Hagel.

Verletzt von prügelnden Horden, sogar angegriffen mit Mordwerkzeugen. Von vielen Medien beschimpft, von einigen Politikern belächelt. Und das alles für einen Monatsverdienst von 1800 bis 2000 Euro.

Was in den letzten drei Tagen rund um den Atommüll-Transport nach Gorleben mit unseren Polizisten passiert, ist eine Schande.

Jetzt sagt Joachim Lenders (48), stellv. Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Unsere Kollegen, die im Einsatz für den Staat ihr Leben riskieren, sind die Deppen, ja die Ärsche der Nation.“

BILD erfuhr aus Polizeikreisen, was in den Wäldern vom Wendland passierte: Die Gewalttäter unter den Demonstranten spitzten Holzpflöcke an, gingen damit auf die Beamten los. Sie schleuderten Brandsätze, Steine und Flaschen auf Polizisten, setzten ein besetztes Räumfahrzeug in Flammen.

Joachim Lenders: „Es ist doch egal, ob die Kollegen für oder gegen Atomkraft sind – sie machen ihren Job! Und stehen wie Schießbudenfiguren im Stein- und Brandbombenhagel der Chaos-Horde.“

Eine Hamburger Beamtin: „Wenn mir im Restaurant das Essen nicht schmeckt, werfe ich doch auch keine Brandbomben auf den Kellner.“

Bundespolizist Jürgen D. (42) aus Köln über seine Arbeit auf den Castor-Gleisen: „Man trägt die Leute weg, und dann stellt man sich wieder hinten an und trägt den Nächsten weg. Und zwischendurch denkt man: Hoffentlich ist das bald vorbei.“

Das dauerte allerdings.

Hauptkommissar Joachim Lenders: „Die meisten Einsatzkräfte waren von Sonntag, 7 Uhr, bis Montag, 11 Uhr, im Einsatz. 28 Stunden! Die Krawallmacher hatten sämtliche Versorgungswege abgeschnitten. Es konnte für die völlig erschöpften Polizisten keine Verpflegung angeliefert werden. Nichts zu essen, nichts zu trinken. Dazu die Kälte!

Schlimm auch vor allem für weibliche Polizisten: Auch Dixi-Klos konnten nicht in die Wälder geliefert werden.“

Entsetzt ist der Polizei-Gewerkschafter auch über Teile der Politik: „Da pflanzt sich die Grünen-Chefin Claudia Roth mit als Demonstrantin auf die Straße und schafft es nicht einmal, Verständnis für die Polizisten zu äußern, die dort einfach nur ihren Job machen.“

Übrigens: Die Polizisten, die gestern nach 28 Stunden Kampf ein paar Stunden Ruhe hatten, mussten ab 22 Uhr wieder in den Wald. Um sich beschimpfen, bewerfen, bespucken, schlagen zu lassen. Als Deppen der Nation.

Aufruf an alle Beamten und Beschäftigten der Hamburger Polizei!

Personalversammlung und Demonstration

Im September hat der Hamburger Senat sein „Strukturelles Konsolidierungsprogramm über 510 Mio. Euro“ verabschiedet. Kernstück dieses Programmes ist die Reduzierung bzw. Streichung des Weihnachtsgeldes für die hamburgischen Beamten mit ca. 100 Mio Euro. Mittlerweile ist ein Großteil der angeblichen Sparmaßnahmen nach Bürgerprotesten wieder rückgängig gemacht worden, geblieben aber ist der „Diebstahl“ bei der Beamtenbesoldung.

„Wo bekommen wir sonst so einfach 100 Mio. Euro her?“, war die einzige Antwort eines Senatsmitgliedes auf den Protest der DPolG Hamburg. Diese reflexartigen Reaktionen des Hamburger Senates auf die selbst verschuldeten Haushaltsengpässe sind nicht nur ein Skandal sondern verstoßen gegen geltendes Beamtenrecht!

Die Kolleginnen und Kollegen der Hamburger Polizei und Feuerwehr sind es leid, seit Jahren die Opfer einer maßlosen und verfehlten Finanzpolitik zu sein und die Leuchtturmprojekte des Hamburger Senates finanzieren zu müssen!

Deshalb tragen wir unseren Protest auf die Straße:

Donnerstag, d. 25. November 2010, 15:00 Uhr CCH

Im Anschluss an die Personalversammlung werden wir, unterstützt durch die Kolleginnen und Kollegen der Feuerwehr, vom CCH in die Innenstadt marschieren. Die Großdemon-stration ist von uns bereits angemeldet, sie wird vom CCH über den Gänsemarkt, Jungfernstieg, Bergstraße bis ins Zentrum der Weihnachtmärkte führen. Der Kampf lohnt sich, da die Kürzung/Streichung des Weihnachtsgeldes noch nicht durch die Bürgerschaft beschlossen wurde und sich damit noch nicht im Gesetzgebungsverfahren befindet.

Da bereits auf Staatsräteebene geäußert wurde, dass die Streichung des Weihnachtsgel-des auch auf die Tarifbeschäftigten übertragen wird, haben wir die Erwartung, dass alle Beschäftigten der Hamburger Polizei zur Personalversammlung erscheinen und anschließend an der Demo teilnehmen. Uniformträger werden gebeten, zur Großdemo in Uniform zu erscheinen. Achtung: Bitte keine Dienstwaffen mitbringen!

Wir rufen hiermit alle Beschäftigten in der Polizei zur Teilnahme an der Personalversammlung und der sich anschließenden Großdemonstration auf!

Getreu dem Motto:

Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat bereits verloren!

 


 

Der Landesvorstand                       Hamburg, d. 5. November 2010

Der Kampf geht in die nächste Runde

Aufmerksamen Auto- und Radfahrern sind sie bestimmt schon aufgefallen. An sechs markanten Punkten im Landgebiet stehen seit kurzem Anhänger. An ihrem Metallgestänge wurde jeweils ein weißes Banner sorfgältig befestigt. Darauf ist in blauer Schrift zu lesen: „Wir fordern den Erhalt der Polizeiposten in unserer Region!“ oder „Hände weg von den Polizeiposten!“. Links und rechts der eindeutigen Forderungen prangt das Logo der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Am Freitagabend hatten Gewerkschafter die Anänger platziert. Unterstützung erhielten sie dabei von Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Neuengamme und der „Gemeinschaft Vier- und Marschlande“. am Sonnabend ging´s dann weiter mit der mittlerweile vierten Unterschriften-Aktion am Vierländer Markt. „Einige kommen nur, um zu dokumentieren, dass sie gegen die Abschaffung der sieben Polizeiposten sind“, sagt der stellvertretende DPolG-Landesvorsitzende Klaus Vöge. 80 Prozent der Menschen wüssten bereits worum es geht 4500 Unterschriften hat er schon zusammen. „Und wir machen weiter“, sagt Vöge, „solange, bis die Innenbehörde von der geplanten Zentralwache abrückt.“

Proteste gegen eine zentrale Wache

Unterschriftenaktion Bürger kämpfen für den Erhalt der sieben Polizeiposten im Landgebiet

Gut 1200 Unterschriften für den Erhalt der sieben Polizeiposten im Landgebiet haben Mitglieder der Polizei-Gewerkschaft (DPolG) binnen weniger Stunden am Wochenende gesammelt. Zudem wurden hunderte Gespräche am Infostand vor dem Vierländer Markt geführt. Eindeutiger Tenor: „Wir werden für den Erhalt kämpfen.“ Der Hamburger Sparkurs sieht die Einrichtung einer sogenannten Zentralwache mit nur vier Beamten im Landgebiet vor. Wo dieser zentrale Ort in den weitläufigen Vier- und Marschlanden sein soll, ist offenbar noch völlig unklar. Klar ist aber: Mit der Einrichtung würde Polizeipräsenz von der Straße genommen – entgegen dem Versprechen des Christoph Ahlhaus (CDU) sowohl als Innensenator, als auch als Bürgermeister vor den Sparbeschlüssen gegeben hatte. Mit einer Aufstockung im Landgebiet durch Beamte des Bergedorfer Polizeikommissariats 43 sei mangels Kapazität nicht zu rechnen. Polizeihauptkommissar und Personalratsmitglied Klaus Vöge, der zum erweiterten Vorstand der DPolG gehört, sowie einige Polizeiposten erlebten am Freitag und Sonnabend viele erboste Vierländer. Erbost über die Hamburger Spar-Entscheidungen, erbost aber auch über die wenig konkrete Haltung lokaler Politiker. Vereine und Verbände, wie auch die „Gemeinschaft Vier- und Marschlande“ (GVM) wollen geharnischte Briefe an den Innensenator Heino Vahldiek (CDU) schreiben, verlangen Antworten. „Hier wird gegen den Bürgerwillen gearbeitet“, sagte Vöge. „So nicht! Nicht mit uns!“, so und ähnlich äußerten sich viele zu den Sparbeschlüssen und setzten ihre Unterschrift auf die Liste. „Ich verstehe diese Maßnahme nicht“, sagt Katrin Podein (44) aus Curslack. „Die Präsenz der Polizei im Landgebiet ist einfach wichtig. Schließlich will man nicht in der Warteschleife landen. Und es ist menschlicher, weil man den persönlichen Kontakt hat.“ Ein Sicherheitsproblem sieht auch Sven Klaffehn (36) aus Kirchwerder. Er wohnt im Neubaugebiet, und das ist ziemlich weitläufig. „Wenn man bei Problemen einen direkten Ansprechpartner hat, ist das ein großer Vorteil“, meint er. „Ich bin zwar noch gut beieinander und kann auch noch Auto fahren, aber unser Dorfsheriff gibt mir das Gefühl der Sicherheit.“ Gegner des Erhalts der Polizeiposten melden sich am Wochenende nicht zu Wort.